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Festakt zum 10-jährigen Bestehen des Museums Europäischer
Kulturen
3. Juli 2009, 18.00 Uhr
Europa der Kulturen - Europa der Sprachen
Der Kern, aus dem die Sammlungen des Museums Europäischer
Kulturen hervorgegangen sind, ist der Schrank Europa. Das war ein
bei der Transformation der Königlichen Preußischen Kunstkammer
in ein Museum 1856 eingerichteter Schrank, in dem sich ein paar
Objekte aus irgendwie randständigen europäischen Völkern
befanden. Die beiden kostbarsten Stücke waren zwei Schamanentrommeln
aus dem hohen Norden, aus dem Land der Samen. Die Samen waren wohl
das Exotischste, was man in Europa finden konnte. Man nennt sie
bei uns immer noch Lappen und das Land Lappland, mit einem für
das Volk der Samen beleidigenden Ausdruck. Zu meinem Entsetzen auch
auf der Karte, die sie hinter mir sehen. Das Wort "Lappe"
exkludiert dieses Volk als ein wildes, unzivilisiertes eigentlich
aus Europa. Der Schrank Europa enthielt also das gleichsam Außereuropäische
oder Wilde oder zumindest das Marginale und das Übriggebliebene,
das, was die Modernität Europas hinter sich gelassen hatte.
Wer braucht schon noch Schamanentrommeln im modernen Europa? Der
Schrank Europa ist nicht das, woraus Europa seine aktuelle Identität
schöpfen würde. Der Schrank Europa verweist auf eine ältere
Schicht der Kultur in Europa - und auf eine merkwürdig fremde.
Das Museum Europäischer Kulturen ist unmittelbar benachbart
der Ausstellung der Kultur der Völker Nordamerikas, die wir
- ebenso falsch, wie wir die Samen "Lappen" nennen - "Indianer"
nennen. Im Gegensatz zu dem, was wir im Museum Europäischer
Kulturen sehen, sind uns die Gegenstände der fernen Indianer
aber eigentlich ziemlich vertraut. Wir haben sie hundertfach in
Filmen gesehen, sie gehören eigentlich fest zu unserem kulturellen
Besitz und Wissen. Von den Samen dagegen, von den Siebenbürger
Sachsen, den Roma in Rumänien und anderen europäischen
Kulturen wissen wir eher wenig. Die Exponate aus den europäischen
Kulturen sind oft sehr fremde Gegenstände. Dabei sind uns diese
Gegenstände nicht nur räumlich nah, sie sind auch in der
Zeit nicht weit von uns entfernt, sie sind meistens gar nicht sehr
alt. Die samischen Schamanentrommeln stammen aus dem 18. Jahrhundert:
Die glasperlenbesetzte Gegenstände, die Werkzeuge von Kesselflickern,
die Epinal-Bildchen, die Napoleon verehren, die Postkarten, der
Kitsch zur Erinnerung an Lady Di, die Trachten aus Estland, das
sind alles Sachen, die gestern noch in Gebrauch waren. Dennoch sind
sie fremd, diese europäischen Kulturgegenstände. Mir jedenfalls
sind sie fremder als die Indianersachen. Ich vermute einmal, weil
sie das Abgelegte sind, sie sind das, dessen wir uns entledigt haben,
während die Indianersachen ja gerade etwas Angeeignetes sind.
Einer der abgelegten Gegenstände aus dem Museum hat mir als
Sprachwissenschaftler besonders zu denken gegeben hat: der Kirchenpelz
aus Siebenbürgen, eine schön bestickte Pelzjacke für
den sonntäglichen Kirchgang. Das Folgende sind daher linguistische
Variationen über einen Kirchenpelz.
Er ist ausgestellt in einem Raum, dessen Thema "Identität"
ist. Die hübsch bestickte Jacke ist also offensichtlich ein
Gegenstand, an dem "Identität" hängt. "Identität"
ist natürlich ein Stichwort für den Sprachwissenschaftler.
Was wäre mehr mit Identität verbunden als Sprache? Woran
macht sich spätestens seit Herder Identität fest wenn
nicht an Sprache? Humboldt bindet den Begriff der Nation an die
Sprache:
"Eine Nation ... ist eine durch eine bestimmte Sprache charakterisierte
geistige Form der Menschheit" (VI: 125).
Humboldt spricht noch nicht von "Identität", der
Ausdruck ist im Diskurs um 1800 nicht in dieser Bedeutung üblich.
Humboldts Wort ist "Eigentümlichkeit". Und nichts
ist so "eigentümlich" oder identitär wie jene
"geistige Form der Menschheit", die jeder in sich trägt,
die Sprache. Sprache ist aber hier nicht ausgestellt, sondern eine
Pelzjacke.
Interessant ist nun an diesen Pelzjacken, dass diese zwar offensichtlich
ein ganz besonderes Kennzeichen der Identität der Siebenbürger
Sachsen waren, dass sie aber gerade auch von ungarischen Trachten
inspiriert waren, mit denen die Deutschen in Siebenbürgen zusammenlebten.
Sie sind ein Produkt von Mischungen und Einflüssen. Im postkolonialen
Diskurs spricht man da von métissage. Dass das, an dem unsere
Identität hängt, nicht etwas ethnisch Reines und nur uns
Gehöriges ist, sondern oft etwas Gemischtes, Übernommenes,
aus der Fremde Kommendes, das zeigt diese Jacke höchst augenfällig.
Auch Sprachen sind oft solche métissages. Sprachen stehen
in ständigem Kontakt und Austausch mit anderen. Das Französische
ist gesprochenes Latein in Kelten- und Germanenmund. Das Hochdeutsche
ist ein zutiefst latinisiertes Germanisch, das außerdem Griechisches,
Französisches und Englisches in sich integriert. Das Englische
ist sowieso ein germanisch-romanisches Misch-Idiom. Alle europäischen
Sprachen schöpfen kontinuierlich aus dem lateinischen und griechischen
Fonds. Identitäre Bindung an Sprachen ist unabhängig von
ihrer ethnischen Reinheit. Wie beim Kirchenpelz.
Der Kirchenpelz ist des weiteren ein Gegenstand aus einer Kultur,
die sich vor unseren Augen aufgelöst hat. Bei dem Auszug aus
Siebenbürgen haben manche Siebenbürger die Pelzjacken
mitgenommen in die neue Heimat, d.h. nach Deutschland, aus dem sie
vor Jahrhunderten ausgewandert waren. Dort finden sie aber keinen
Ort und keine gesellschaftliche Praxis mehr, bei der die schönen
Jacken getragen werden könnten. Daher kommt das Ding in den
Schrank, schließlich in den Schrank Europa. Dort, also im
Museum, ist es jetzt zu bewundern. Das ist immerhin ein Ort, an
dem das von der modernen Kultur Europas zurückgelassene Kleidungsstück
als Zeuge einer vergangenen, untergegangenen Kultur ausgestellt
wird und in einem Gedächtnis aufgehoben wird. Das ist die Funktion
des Schranks Europa.
Aber es gab noch eine andere Option für den Kirchenpelz: Diejenigen,
die genau wußten, was ihnen blühte, als sie die Heimat
verließen, haben etwas anderes gemacht: Sie haben den Mantel
begraben. Sie wußten, dass mit ihrem Auszug aus Siebenbürgen
ihre Kultur mausetot sein würde: Sie haben die Pelzjacke wie
einen geliebten toten Verwandten ins Grab gelegt. Sie haben ihre
Kultur begraben, ihre Identität radikal hinter sich gelassen.
Sie wollten keinen Platz im Schrank Europa. Sie wollen sie nicht
im Museum Europäischer Kultur aufheben.
Die Radikalität dieser Geste ist einigermaßen erschütternd.
Sie ist bitter und ungeheuer lebendig zugleich: Sie zeigt eine brutale,
schmerzhafte Ablösung von dem, was bisher war. Aber es ist
auch ein Gestus, der einen Willen zum Leben bekundet. Er befreit
sich sozusagen Nietzscheanisch von der Geschichte, um zu leben.
Psychoanalytiker würden allerdings bezweifeln, dass das möglich
ist.
Es ist klar, dass dieses Schicksal der Siebenbürger Jacke
gleich in mehrfacher Hinsicht an die Sprache gemahnt. Zwar kann
die Jacke im Museum europäischer Kulturen aufbewahrt werden
kann, offensichtlich aber nicht die Sprache dessen, der die Jacke
trug. Dabei ist doch die Sprache das identitäre Herz jeder
Kultur. Sie ist der wichtigste Teil jeder Kultur, ihr lebender Atem,
ihr lebendiger Geist, um einen altmodischen Ausdruck zu bemühen.
Man kann Sprache aber nur schwer ausstellen, eben weil man einen
lebenden Atem nur schwer ausstellen kann. Ich meine mit Sprache
nicht Schriften und Dokumente. Diese kann man natürlich ausstellen.
Nein, ich meine lebendige gesprochene Sprache. Man müsste ja
lebendige Menschen ausstellen. Auch Tonträger geben nur den
Klang der Sprache wieder, nur ihre äußere Erscheinungsform.
Sprache ist aber, wie wir gerade bei Humboldt gehört haben,
eine "geistige Form der Menschheit". Und deren Ort ist
tatsächlich das lebendige Gespräch zwischen Menschen.
Die Sprache ist also das Abwesende des Museums europäischer
Kulturen. Die Gegenstände verweisen daher geradezu dramatisch
auf diese Leerstelle.
Deswegen fragt man sich auch sofort, was denn geschehen ist mit
der Sprache dessen, der die Pelzjacke trug. Wo ist er geblieben,
der deutsche Dialekt der Siebenbürger, der ja eine Form des
Moselfränkischen war? Sicher tragen die remigrierten Siebenbürger
erst einmal ihre Sprache noch mit sich. Aber es muss jemand mit
ihnen in ihrer Sprache sprechen, damit die Sprache erhalten bleibt.
Wahrscheinlich wird die Sprache noch in den Familien eine Weile
gesprochen. Sie hält sich aber dort nur schwer, wenn die Umwelt
eine andere Sprache spricht: ein Siebenbürger Kind im heutigen
Schwaben wird sicherlich nicht mit den Kindern in der Schule den
Dialekt der Eltern reden, sondern eben Schwäbisch, vielleicht
auch Hochdeutsch.
Außerhalb der Familie bleibt die Sprache vielleicht noch als
"Akzent" erhalten, der Akzent ist ja die Spur der zurückgelassenen
Sprache in der neuen Sprache. Der Akzent ist der Grabstein der alten
Sprache in der neuen.
Wie für den Kirchpelz gibt es keine Verwendung mehr für
die alte Sprache. Sie verschwindet in der Intimität der Familie,
und sie wird begraben in der neuen Sprache. Und es gibt nicht einmal
ein Museum, einen Schrank Europa, in dem die alte Sprache aufbewahrt
wird.
Dies ist nun aber gar keine seltene oder irgendwie exotische Erfahrung:
Viele von uns Älteren haben diese Erfahrung des Sprachwechsels
im Rahmen der Modernisierung gemacht: Meine Muttersprache ist Hessisch,
ich habe Deutsch auf der Schule gelernt, dann habe ich eine Hamburgerin
geheiratet, mit der ich in Berlin lebe, also haben wir Deutsch miteinander
gesprochen, das nun die Muttersprache unserer Kinder ist. Das Hessische
kann ich zwar noch, aber ich spreche es so gut wie nie mehr. Als
Akzent ist es noch in meinem Hochdeutsch vernehmbar, als Spur der
Vergangenheit. Bei meinen Kindern ist auch diese Spur getilgt.
Und deren Kinder - so geht die Geschichte wahrscheinlich weiter
- werden, wenn die Modernisierung auf dem eingeschlagenen Pfad voranschreitet,
ab Kindergarten und Schule Englisch sprechen. Mit deutschem Akzent
als Grabmal des Deutschen. Dieses Drama spielt sich gerade bei einer
ganzen Generation von jungen Deutschen in Berlins Mitte ab. Dort
meint man, das Deutsche begraben zu müssen, um an der globalen
Kultur teilnehmen zu können.
Die alte Sprache verklingt einfach. Allerdings - und nun kommt
die Psychoanalyse zu ihrem Recht - geistert sie oft noch als Gespenst
in den Köpfen und Seelen der Sprecher herum: Sie wird in die
Nacht verbannt, in Lieder und trunkene Gesänge: In der Bretagne
z.B. wird tagsüber Französisch gesprochen. Die Bretonen,
die noch vor hundert Jahren bretonisch sprachen, sind heute weitgehend
französiert. Die republikanische Schule hat ziemlich gründliche
Arbeit geleistet. Aber - ich habe das ein paarmal erlebt - nachts,
wenn alle betrunken sind, kommen aus dem tiefen Schacht des Gedächtnisses
die verdrängten Lieder hervor, da wird die alte Sprache gesungen
- und geweint. So wird es auch dem Deutschen gehen: Wenn die global
players aus dem Prenzlberg dann betrunken sind und sentimental,
singen sie "Stille Nacht" auf deutsch. Jetzt ist es ja
schon weitgehend nur noch als "Silent night" zu hören.
Aber sollen wir denn die verklungenen Sprachen überhaupt aufheben,
wie die alten Kirchenpelze, diese schönen, traurigen Spuren
einer untergegangenen Kultur? Nun, das ist tatsächlich eine
Option, um sie vor dem völligen Vergessen zu bewahren. Sprachen
sind so wichtige und schöne Kreationen des menschlichen Geistes,
dass sie es wert sind, aufbewahrt zu werden. Ich versuche, Herrn
Parzinger dafür zu gewinnen, auf seiner Museumsinsel ein Museum
der Sprachen einzurichten - als Pyramide für die verklungenen
Sprachen.
Aber besser ist es, wir brauchen das nicht. Besser ist es, es gibt
die Sprachen. Besser ist es, die Sprachen werden gesprochen.
Damit nun Europas Sprachen gar nicht erst im Museum enden, möchte
ich im zweiten Teil meines kleinen Vortrags nun mit Ihnen einen
Blick auf Europas Sprachen werfen und die Gefahren beschwören,
die ihnen drohen. Die Gefahr ist natürlich diejenige, die alle
Gegenstände ins Museum der europäischen Kulturen gebracht
hat: die Durchsetzung einer moderneren Kultur, einer stärkeren
Kultur, einer immer einheitlicher werdenden Kultur. Alle Kulturen
der Welt - und damit auch alle Sprachen der Welt und also auch Europas
- sind heute vom Letztschlag bedroht: von der Vereinheitlichung
der Welt-Kultur. Allen droht die Abschiebung ins Museum.
Wir haben jetzt 27 Länder in der Europäischen Union.
In diesen haben wir 23 Amtssprachen, 23 offizielle Sprachen der
EU.
In Wirklichkeit gibt es natürlich viel mehr Sprachen in Europa:
Denn die Aufzählung der Amtssprachen erschöpft ja nicht
die Zahl der autochthonen Sprachen Europas. Die Staatsprachen überwölben
ja einerseits eine Vielzahl von Dialekten, also diatopische Varianten
dieser Sprachen, die oft die eigentlichen Muttersprachen der Menschen
sind. Andererseits gibt es die sogenannten Regional-und Minderheitensprachen,
die nicht einer der schon erwähnten großen Sprachgemeinschaften
angehören. In Deutschland haben wir Sorben und Friesen. Und
um nur noch ein paar andere zu erwähnen: In Spanien wird neben
dem Kastilischen auch Baskisch, Galizisch und Katalanisch gesprochen.
Auch in Frankreichs gibt es Basken und Katalanen, dazu: Okzitanisch,
und Bretonisch. In den baltischen Staaten gibt es große russische
Minderheiten. In Großbritannien Walisisch und Gälisch,
in Norwegen, Schweden und Finnland leben und sprechen die schon
erwähnten Samen Samisch. Sardisch ist nicht Italienisch. An
vielen Orten Europas gibt es Roma und ihre Sprache. Manche dieser
Minderheiten sind größer als die erwähnten Staats-Sprachgemeinschaften:
die Katalanen etwa sind mit ca. 7-8 Mio bedeutend zahlreicher als
die Dänen, die Galizier mit 2,6 Mio etwa so stark wie Litauer,
Letten und Slovenen. Die Sarden sind soviele wie die Esten. Diese
Sprachgemeinschaften sind also schon quantitativ keine quantités
negligeables.
Und ich habe die Sprachen der Millionen von Migranten noch nicht
erwähnt, die das Bild der europäischen Mehrsprachigkeit
erheblich komplizieren.
Fazit: Europa ist der Ort einer großen sprachlichen Vielfalt.
Natürlich sagen nun erst einmal alle - politisch korrekt -,
dass dies ja ganz wunderbar sei, ein Reichtum. Aber Sprachen haben
nun einmal die unangenehme Eigenschaft, dass sie in ihrer Vielfalt
die Kommunikation behindern. Das stellte ja schon die Geschichte
vom Turmbau zu Babel fest.
Kurzum: Europa ist auch eine kommunikative Katastrophe.
Praktische Männer und Frauen können daher der Sprachenvielfalt
nicht viel abgewinnen, sie behindert die Kommunikation in Europa,
und sie steht dem Einheits-Denken entgegen, das die aufgeklärte
Modernität Europas stark bestimmt. Und Einheitlichkeit ist
auch in der religiösen Tradition Europas tief verwurzelt: Sprachliche
Vielfalt ist ja eine Strafe Gottes. Besser ist die einheitliche
Sprache des Paradieses.
Daher hat Europa seit dem Ende des zweiten Weltkriegs den Weg sprachlicher
Vereinheitlichung eingeschlagen, mit Englisch als der Einheitssprache
Europas, sozusagen in Fortschreibung der Sprachpolitiken der großen
europäischen Nationen. Es herrscht faktisch - nicht programmatisch
- seit Jahren ein immer stärker werdender europäischer
Jakobinismus. Damit meine ich folgendes: Der maßgebliche jakobinische
Sprachpolitiker der Französischen Revolution, der Abbé
Grégoire, hat 1794 gemeint:
"La langue d'une grande nation doit être une et la même
pour tous."
"Die Sprache einer großen Nation muss einheitlich und
dieselbe für alle sein."
Unter diesem Motto hat sich in Frankreich seit der Revolution eine
gemeinsame Sprache durchgesetzt. Am Ende des 18. Jahrhundert sprach
nur ein Fünftel der Franzosen Französisch, Frankreich
sah nämlich folgendermaßen aus (Karte). Nur der Norden
war das eigentliche Sprachgebiet des Französischen, aber natürlich
dialektal uneinheitlich. In der Mitte des 20. Jahrhunderts konnten
dann aber alle Franzosen Französisch. Das Französische
hatte sich über alle Regionalsprachen und Dialekte gelegt.
Dabei haben die meisten Sprecher anderer Sprachen ihre alte Sprache
aufgegeben. Es gibt zwar noch zweisprachige Minderheiten, aber diese
fristen ein prekäres Leben im zentralistischen Frankreich.
Behalten wir das im Kopf, es ist unser aller Schicksal.
Vereinheitlichung ist nicht die offizielle Sprach-Politik der EU.
Vereinheitlichung ist aber das, was tatsächlich stattfindet:
Die europäischen Staaten fördern in ihren Schulen massiv
den Englisch-Unterricht - oft auf Kosten des Unterrichts in der
Nationalsprachen und immer auf Kosten aller anderen Fremd-Sprachen.
Die Schule ist entscheidend! Die Schulen waren auch in Frankreich
die eigentlichen Maschinen zur sprachlichen Uniformierung. Und wo
der Staat das nicht tut, tut dies zunehmend ein ungeheuer boomendes
privates Schulwesen, vor allem in Deutschland. Der Erfolg ist durchschlagend:
Die Völker Europas bestellen jetzt in ganz Europa ihre Pizzen
und Bier auf Englisch, egal ob in Palermo oder in Riga. Vor allem
aber : Die europäischen Wissenschaftler, die europäische
Geschäftswelt, die europäische Politik, das Europa der
Eliten, kommuniziert auf Englisch. Und immer mehr nur noch auf Englisch,
und zunehmend auch nicht mehr nur im internationalen Verkehr, sondern
auch in vormals nationalen Kontexten. Auf Kinderspielplätzen
im Prenzlauer Berg z.B. oder in den Seminarräumen der Universitäten.
Das europäische Sprachenhindernis ist also behoben: Das ist
ganz ohne Zweifel ein Fortschritt. Aber, wie man an den Prenzlberger
Kindergärten und Spielplätzen sieht, hat der Fortschritt
seinen Preis: Diese Lösung des Kommmunikationsproblems treibt
die Sprachen Europas tendenziell ins Museum der europäischen
Kulturen: die Sprachen Europas als abgelegte Kirchenpelze.
Es ist nämlich nicht ganz harmlos, eine Sprache als Prestigesprache
über die Muttersprachen der Völker zu setzen: Das wissen
wir deswegen so genau, weil wir das ja schon einmal hatten: Und
zwar im Mittelalter. Oben, als Prestigesprache, als Sprache der
hohen und wichtigen Diskurse, wurde Latein gesprochen und geschrieben,
unten für die Familie, für den Alltag, für das niedere
Leben, gab es als nur gesprochene Vernakularsprachen: die Volkssprachen:
Das Mittelalter war bekanntlich keine besonders fortschrittliche
Zeit, es war die Zeit brutalster gesellschaftlicher Spaltungen,
die mit jener Sprach-Trennung einhergingen.
Und genau deswegen hatte sich Europa vom Lateinischen emanzipiert.
Seit dem 16. Jahrhundert steigen die Volkssprachen überall
in Europa in die hohen Diskurse auf, die dem Latein vorbehalten
waren: in Verwaltung und Gesetzeswesen, in die Wissenschaft, in
die Religion:
Sprechen und - vor allem - Schreiben in der Volkssprache war eine
politische Emanzipation, sofern Gesetzgebung und staatliches Handeln
in die Sprachen der Völker übergingen und sich nicht mehr
in dem Volke unverständlichen Latein abspielte.
Es war eine religiöse Emanzipation, sofern nicht mehr nur Priester
in einer unverständlichen Sprache den Verkehr mit Gott verhandelten,
sondern sofern jetzt direkt in der eigenen Sprache mit dem lieben
Gott verkehrt wurde
Es war eine Wissensemanzipation: das Wissen kam nun nicht mehr aus
den lateinischen Büchern, die von einer gelehrten Kaste gehütet
wurden, sondern aus dem Machen der handelnden Menschen, aus der
Lebenswelt der nichtlateinisch sprechenden klugen Forscher.
Es war unter anderem auch ein wichtiger Schritt in der Emanzipation
der Frauen: Diese waren von jenem lateinischen Wissen völlig
abgeschnitten. Latein war ja eine ziemlich exklusive Männersprache.
Nun konnten die Frauen in ihren Sprachen Wissen erwerben und entwickeln.
Indem die Sprachen Europas in die Diskurse des Lateinischen aufstiegen,
traten sie das Erbe des Lateinischen an: Sie transportierten von
nun an die Kultur, ihr Prestige stieg damit enorm, und sie wurden
reichere Sprachen, weil sie über viel mehr Dinge sprechen mussten
als vorher. Linguistisch gesagt: ihr Status stieg und ihr Ausbau
wurde vorangetrieben. Sie wurden Kultursprachen. Die Aschenputtel
stiegen auf in die Sphäre des Lateinischen, sie tanzten von
nun an auf dem Ball der Könige.
Europa wurde eine Kultur in vielen Sprachen: Ich würde sagen:
Europa wurde Europa.
Und die europäischen Völker lernen dadurch zweierlei,
1. daß ihre Sprachen genauso gut sind wie das Lateinische
2. und daß es nicht gleich-gültig ist, in welcher Sprache
man spricht. Sie machen nämlich die Erfahrung, daß verschiedene
Sprachen nicht einfach nur verschiedene Klänge sind, wie die
ganze europäische Tradition seit Aristoteles gedacht hatte.
Sie erfahren, daß Sprachen mehr sind als bloß kommunikative
Werkzeuge, nämlich daß mit den verschiedenen Sprachen
verschiedene Semantiken, verschiedene "Weltansichten"
verbunden sind. Das Sprachverständnis vertieft sich durch die
europäische Erfahrung. Die Sprachen werden Teil des Geistigen,
kostbare Gefäße des Denkens und der Kultur der Völker.
Wenn nun Europa genau dort aus seinen Sprachen wieder aussteigt,
wo es mit viel Mühe eingestiegen war und wo dies einen mehrfachen
gesellschaftlichen Fortschritt bedeutete, dann ist das ganz ohne
Zweifel ein Rückschritt: Die Sprachen der Völker Europas
sinken wieder hinab in den Rang von Vernakularsprachen, die sie
auch im Mittelalter waren. Sie sind dann eben nicht mehr die wertvollen
und wichtigen Gefäße Hoher Kultur und Hoher Diskurse.
Aufgrund jener historischen Erfahrungen weiß das offizielle
Europa, was verlorengeht, wenn die Sprachen verlorengehen. Das institutionelle
Europa befördert daher auch nicht die sprachliche Vereinheitlichung
des Kontinents, sondern betreibt - zumindest offiziell - eine Politik
der Stärkung und Bewahrung der europäischen Sprachen.
Es erkennt sich zurecht nicht im Englischen als seiner Sprache (auch
wenn Brüssel tatsächlich das Englische als seine Sprache
benutzt - ein schreiender Widerspruch und Skandal). Daher hat das
offizielle Europa ja schon seit langem das Sprachenregime M +2 -
Muttersprache plus zwei Fremdsprachen - für seinen Bürger
favorisiert. In der unhintergehbaren Notwendigkeit, daß die
Europäer neben ihrer Muttersprache das Englische als globale
Kommunikationssprache nun einmal brauchen, hat Brüssel immer
gefordert, daß zumindest eine weitere europäische Sprache
gelernt wird.
Eine von der EU-Kommission eingesetzte Expertengruppe unter der
Leitung des libanesisch-französischen Schriftsteller Amin Maalouf
hat nun für diese dritte Sprache das Konzept der persönlichen
Adoptiv-Sprache entwickelt. Jeder Europäer soll eine Sprache
adoptieren, er soll dann tatsächlich mit ihr leben wie mit
einem Familienangehörigen. Die Adoptivsprache ist der europäische
Freund, sie ist auch gar nicht unbedingt praktisch, man wird damit
nicht Aufsichtsratsvorsitzender, sie ist aber der Weg zum Verstehen
des anderen Europäers.
Wieso ist das so wichtig? Mit den Adoptivsprachen soll ein dichtes
Netz von Freundschaften zwischen allen Sprachen geknüpft werden,
aus jedem europäischen Land in jedes europäische Land,
von Deutschland nach Bulgarien, Irland, Polen etc. Von Finnland
nach Malta, Italien etc., d.h. es geht tatsächlich darum, zwischen
allen Sprachgemeinschaften direkte Verbindungen herzustellen. Die
Europäer müssen sich füreinander öffnen, hat
kürzlich auch Habermas für die Herstellung einer wirklichen
europäischen Öffentlichkeit gefordert. Die europäischen
Sprachgemeinschaften würden sich mit dieser Öffnung verstehen
lernen und die europäischen Sprachen stärken. Der Respekt
der anderen stärkt wieder die eigene Sprache: Indem der andere
meine Sprache lernt, erfahre ich, daß diese ein wertvolles
kulturelles Gut ist.
Es soll also nicht wie im Mittelalter eine Meister-Sprache hierarchisch
über den vielen Volks-Sprachen schweben, in der die wichtigen
Sachen gesagt werden, die sozusagen das Sagen hat und die alle anderen
Sprachen zu Vernakularsprachen erniedrigt, die europäischen
Völker wieder zu dummen Völkern degradiert und die in
ihnen entfaltete Kultur zur Folklore hinabstuft. Es soll stattdessen
eine echte Demokratie der Sprachen herrschen, die die Würde
der Völker und Sprachen bewahrt und stärkt. Die gegenseitige
sprachliche Anerkennung wäre ein wirksamer Schutz vor der drohenden
Erniedrigung. Die Adoptivsprache eröffnet das Verstehen des
Anderen und durch die Freundschaft der Anderen behält auch
meine Sprache ihren Glanz und ihren Wert. Eine schöne Vision
- gewiss. Zu teuer sagen die nationalen Regierungen. In der Tat:
schön und teuer. Aber ein Weg, den europäischen Sprachen
das Schicksal des Kirchenpelzes zu ersparen.
Wenn wir die europäischen Sprachen nicht lebendig halten und
wenn wir sie nicht in ihrem Glanz bewahren und pflegen, enden sie
- wenn sie Glück haben - früher oder später im Museum.
Ich danke Ihnen.
Jürgen Trabant lehrt als Professor of European Plurilingualism
an der Jacobs University Bremen und ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen
Akademie der Wissenschaften
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