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Wenn man den Begriff "Diorama" benutzt,
blickt man in unsichere Gesichter: "Dioramen", das sind
doch
und dann gibt es verschiedene Varianten: die Zinnfigurendioramen,
die man aus vielen Museen kennt; modellhafte Landschaftsdarstellungen,
die durchscheinenden Bilder, Panoramen und, und, und.
In der heute zu eröffnenden Ausstellung findet sich eine weitere
Variante: dreidimensionale Bilder.
Es handelt sich um kulissenartig arrangierte Kastenbilder, für
deren Herstellung vorwiegend Naturmaterialien, Papier und Glas Verwendung
fanden. Den Hintergrund bildet fast immer ein gemalter Papier- oder
Kartonfond. Die kulissenartige Anordnung von Bäumen, Felsen
oder Architektur verstärkt - wie im Theater - die ohnehin real
vorhandene Tiefenwirkung. Überdies wurden diese Bilder mit
ihrem eher geringen Materialwert aufwendig mit Rahmen aus Holz -
z. T. mit Goldlitze verziert, mit Stukkaturen, Spiegeleffekten und
anderem Zierrat - versehen.
Dergestalt herausgeputzt wurden die Dioramen den Reisenden des 19.
Jahrhunderts als Souvenirs angeboten. Denn bei all diesen dreidimensionalen
Bildern handelt es sich um Reiseandenken, die in ihrer Formensprache
auf den religiös geprägten Reliquienkästen basieren,
hier aber nun deutlich säkularisiert und profanisiert. Vergleichen
Sie einmal die Objekte in der Hochvitrine im mittleren Ausstellungsraum;
bei den Bildern von Mariahilf in Zuckmantel ist das am sinnfälligsten.
Damit sind wir bei den Gegenständen der Darstellung. Sehenswürdigkeiten,
wie Schlösser und Burgen, landschaftlich reizvolle Gegenden,
wie Berge und Wasserfälle, Stadtansichten und Wallfahrtsorte
können bewundert werden.
Mit diesen Erzeugnissen griff man sehr bewusst das Bedürfnis
der Menschen auf, sich an schöne und außergewöhnliche
Ereignisse und Erlebnisse erinnern zu wollen. Das traf (und trifft)
für die Urlaubs- und Kurreise, zumal im 19. Jahrhundert, wo
das Reisen aus Erholungsgründen noch längst nicht zum
normalen Leben gehörte, besonders zu.
Wer sich einen Kuraufenthalt in einem der immer mondäner werdenden
Bäder gönnte, wer eine Wallfahrt zu einem ihm wichtigen
Ort unternahm oder seine Ferien in einer ihm nicht alltäglichen
Umgebung verbrachte, der wollte sich ein Andenken fürs Leben
mitnehmen. Rindenbilder, Kupferstiche, Lithografien, Fotografien,
Postkarten, Briefbeschwerer, Kästchen, Gläser und eben
Kastenbilder konnte der Reisende erwerben.
Jedes einzelne Souvenir hatte seine speziellen Moden und Glanzzeiten,
die der Dioramen lag in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
So stammen nahezu alle Dioramen unserer Ausstellung aus dieser Zeit,
die spätesten um 1900, das älteste allerdings möglicherweise
von 1825, eine Darstellung des Kochelfalls in der Pultvitrine im
dritten Ausstellungsraum.
Ihren regionalen Schwerpunkt fanden diese Bilder in Schlesien und
Böhmen. Zum einen entstanden hier im Laufe des 19. Jahrhunderts
zunehmend Fremdenverkehrsregionen und vor allem auch Kurbäder;
damit eine ständig wachsende, wohlsituierte Kundenklientel
von Urlaubern und Kurgästen. Das Bedürfnis war also vorhanden;
es sollte befriedigt werden. Zum anderen waren in diesen Bereichen
traditionelle Erwerbszweige zurückgegangen; für viele
Bewohner bedeutete das existentielle Sorgen um den Lebensunterhalt.
Im Fremdenverkehr konnte man sich neu positionieren; hier gab es
neue Verdienstmöglichkeiten, zum Beispiel in der Souvenirproduktion.
Den ausgestellten Objekten kann man ansehen, dass sowohl mehr oder
weniger ambitionierte Laien als auch professionelle Hersteller am
Werke waren. Die Qualitätsunterschiede sind gut sichtbar.
Allen Objekten ist aber eins gemeinsam, der Wunsch nach möglichst
naturgetreuer, realistischer, also auch dreidimensionaler und farbiger
Darstellung.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurden
verschiedene Illusionsmedien geschaffen, die diesem Anspruch gerecht
werden wollten. Denken Sie an die Guckkastenbilder (Wir zeigen Ihnen
in der Ausstellung einige davon, auch einen Guckkasten, in dem Sie
eine Darstellung von Breslau bewundern können.). Über
raffinierte optische Hilfsmittel wurde versucht, eine gemalte oder
grafische zweidimensionale Darstellung stereoskopisch zu verwandeln.
Stereobilder waren ein weiterer Versuch, das Dreidimensionale aus
der Fläche herauszuholen. Mit der Erfindung der Fotografie
wurde sofort auch die Stereofotografie geboren. Auch hier helfen
optische Geräte, den 3D-Effekt zu erzielen. Um in alle diese
Verfahren Farbe zu bringen, musste koloriert werden.
Beim Kastenbild haben wir es mit einem anderen Phänomen zu
tun. Hier wird direkt und wirklich dreidimensional gearbeitet, Flächen
und Rohstoffe werden bemalt bzw. entsprechend farbige Materialien
verwendet. Besonders gern wurden die Kulissenbilder mit glitzernden
Glassplittern oder ganzen Glasflächen, z. B. bei Wasserfällen
und Wasserflächen, versehen; vergleichbar etwa mit den ebenfalls
zu dieser Zeit beliebten Perlmuttreiseandenken mit den glänzenden,
changierenden Fenstern, Seen, Leuchttürmen und Wasserfällen,
von denen unser Haus übrigens eine größere Sammlung
besitzt, die es sicher wert ist, eines Tages im entsprechenden Kontext
ausgestellt zu werden.
Wie immer bei eher populären Medien und
Gegenständen sind diese zwar weit verbreitet, erscheinen es
aber keiner Wissenschaft wert, beschrieben, erforscht und analysiert
zu werden. So erging es auch den Dioramen. Reiseandenken, gelegentlich
eher kitschig als ästhetisch anspruchsvoll - wobei sich ein
Vortrag über Kitsch im Allgemeinen und Besonderen anschließen
ließe - gibt es, seit Menschen reisen, sie bilden ein flächendeckend
vorhandenes Kulturgut. Da es jeder kennt, warum sollte es also untersucht
werden? Und so wissen wir bis heute eher wenig Konkretes zum Beispiel
über die Produzenten. Einige Firmen konnten ausfindig gemacht
werden, was aber noch längst kein umfassendes Bild ergibt.
Oft werden Sie also in der Ausstellung lesen: "unsigniert",
Hersteller unbekannt; genaue Ortsangaben und Datierung der Herstellung
sind selten.
Allmählich beginnt sich aber das Bild zu runden dank des Forscherdranges
und der Sammelleidenschaft eines privaten Sammlers, der mit seiner
Kollektion diese Ausstellung überhaupt ermöglicht hat.
Nirgends sonst als in dieser privaten Sammlung finden sich so viele
Exemplare der Souvenirkastenbilder aus dem 19. Jahrhundert aus Schlesien
und Böhmen, aber auch aus anderen Regionen Europas, die Sie
im letzten Ausstellungsraum sehen werden.
Jürgen Glanz verdanken wir die quantitative Zusammenstellung
einer Objektgruppe, die ansonsten auch in den Museen nur in minimaler
Stückzahl, um nicht zu sagen solitär oder gar nicht, vorhanden
ist.
Dem Altonaer Museum in Hamburg ist die Konzeption der Ausstellung
über diese sehr spezielle Objektgruppe zu verdanken, zu der
neben Jürgen Glanz weitere Leihgeber, genannt sei hier als
private Sammlerin Angelika Marsch aus Hamburg, die am 16. Juli einen
Vortrag über das Reisen im 19. Jahrhundert halten wird, beigetragen
haben.
Kooperiert hat das Altonaer Museum aber auch mit anderen Museen,
die ihrerseits die Ausstellung mit Exponaten aus dem eigenen Bestand
bereichern. Interessant wird diese Kooperation vor allem aber durch
die Zusammenarbeit von polnischen und deutschen Museen, z. B. dem
Nationalmuseum in Breslau, dem Schlesischen Museum in Görlitz,
dem Museum Europäischer Kulturen und weiteren Institutionen,
zeugt diese Zusammenarbeit doch von einem sachlichen Umgang mit
dem kulturellen Erbe wie auch einem kollegialen Miteinander, was
bei der Brisanz der politischen Geschichte gerade in diesem Bereich
umso bemerkenswerter ist.

Der Katalog zur Ausstellung in deutscher und polnischer
Sprache ist für 12,00 Euro + Versand zu bestellen.
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