Dioramen - 3D - Schaubilder des 19. Jahrhunderts

13. Juni bis 16. Juli 2006

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Wenn man den Begriff "Diorama" benutzt, blickt man in unsichere Gesichter: "Dioramen", das sind doch … und dann gibt es verschiedene Varianten: die Zinnfigurendioramen, die man aus vielen Museen kennt; modellhafte Landschaftsdarstellungen, die durchscheinenden Bilder, Panoramen und, und, und.
In der heute zu eröffnenden Ausstellung findet sich eine weitere Variante: dreidimensionale Bilder.
Es handelt sich um kulissenartig arrangierte Kastenbilder, für deren Herstellung vorwiegend Naturmaterialien, Papier und Glas Verwendung fanden. Den Hintergrund bildet fast immer ein gemalter Papier- oder Kartonfond. Die kulissenartige Anordnung von Bäumen, Felsen oder Architektur verstärkt - wie im Theater - die ohnehin real vorhandene Tiefenwirkung. Überdies wurden diese Bilder mit ihrem eher geringen Materialwert aufwendig mit Rahmen aus Holz - z. T. mit Goldlitze verziert, mit Stukkaturen, Spiegeleffekten und anderem Zierrat - versehen.
Dergestalt herausgeputzt wurden die Dioramen den Reisenden des 19. Jahrhunderts als Souvenirs angeboten. Denn bei all diesen dreidimensionalen Bildern handelt es sich um Reiseandenken, die in ihrer Formensprache auf den religiös geprägten Reliquienkästen basieren, hier aber nun deutlich säkularisiert und profanisiert. Vergleichen Sie einmal die Objekte in der Hochvitrine im mittleren Ausstellungsraum; bei den Bildern von Mariahilf in Zuckmantel ist das am sinnfälligsten.
Damit sind wir bei den Gegenständen der Darstellung. Sehenswürdigkeiten, wie Schlösser und Burgen, landschaftlich reizvolle Gegenden, wie Berge und Wasserfälle, Stadtansichten und Wallfahrtsorte können bewundert werden.
Mit diesen Erzeugnissen griff man sehr bewusst das Bedürfnis der Menschen auf, sich an schöne und außergewöhnliche Ereignisse und Erlebnisse erinnern zu wollen. Das traf (und trifft) für die Urlaubs- und Kurreise, zumal im 19. Jahrhundert, wo das Reisen aus Erholungsgründen noch längst nicht zum normalen Leben gehörte, besonders zu.
Wer sich einen Kuraufenthalt in einem der immer mondäner werdenden Bäder gönnte, wer eine Wallfahrt zu einem ihm wichtigen Ort unternahm oder seine Ferien in einer ihm nicht alltäglichen Umgebung verbrachte, der wollte sich ein Andenken fürs Leben mitnehmen. Rindenbilder, Kupferstiche, Lithografien, Fotografien, Postkarten, Briefbeschwerer, Kästchen, Gläser und eben Kastenbilder konnte der Reisende erwerben.
Jedes einzelne Souvenir hatte seine speziellen Moden und Glanzzeiten, die der Dioramen lag in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. So stammen nahezu alle Dioramen unserer Ausstellung aus dieser Zeit, die spätesten um 1900, das älteste allerdings möglicherweise von 1825, eine Darstellung des Kochelfalls in der Pultvitrine im dritten Ausstellungsraum.
Ihren regionalen Schwerpunkt fanden diese Bilder in Schlesien und Böhmen. Zum einen entstanden hier im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend Fremdenverkehrsregionen und vor allem auch Kurbäder; damit eine ständig wachsende, wohlsituierte Kundenklientel von Urlaubern und Kurgästen. Das Bedürfnis war also vorhanden; es sollte befriedigt werden. Zum anderen waren in diesen Bereichen traditionelle Erwerbszweige zurückgegangen; für viele Bewohner bedeutete das existentielle Sorgen um den Lebensunterhalt. Im Fremdenverkehr konnte man sich neu positionieren; hier gab es neue Verdienstmöglichkeiten, zum Beispiel in der Souvenirproduktion.
Den ausgestellten Objekten kann man ansehen, dass sowohl mehr oder weniger ambitionierte Laien als auch professionelle Hersteller am Werke waren. Die Qualitätsunterschiede sind gut sichtbar.
Allen Objekten ist aber eins gemeinsam, der Wunsch nach möglichst naturgetreuer, realistischer, also auch dreidimensionaler und farbiger Darstellung.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurden verschiedene Illusionsmedien geschaffen, die diesem Anspruch gerecht werden wollten. Denken Sie an die Guckkastenbilder (Wir zeigen Ihnen in der Ausstellung einige davon, auch einen Guckkasten, in dem Sie eine Darstellung von Breslau bewundern können.). Über raffinierte optische Hilfsmittel wurde versucht, eine gemalte oder grafische zweidimensionale Darstellung stereoskopisch zu verwandeln. Stereobilder waren ein weiterer Versuch, das Dreidimensionale aus der Fläche herauszuholen. Mit der Erfindung der Fotografie wurde sofort auch die Stereofotografie geboren. Auch hier helfen optische Geräte, den 3D-Effekt zu erzielen. Um in alle diese Verfahren Farbe zu bringen, musste koloriert werden.
Beim Kastenbild haben wir es mit einem anderen Phänomen zu tun. Hier wird direkt und wirklich dreidimensional gearbeitet, Flächen und Rohstoffe werden bemalt bzw. entsprechend farbige Materialien verwendet. Besonders gern wurden die Kulissenbilder mit glitzernden Glassplittern oder ganzen Glasflächen, z. B. bei Wasserfällen und Wasserflächen, versehen; vergleichbar etwa mit den ebenfalls zu dieser Zeit beliebten Perlmuttreiseandenken mit den glänzenden, changierenden Fenstern, Seen, Leuchttürmen und Wasserfällen, von denen unser Haus übrigens eine größere Sammlung besitzt, die es sicher wert ist, eines Tages im entsprechenden Kontext ausgestellt zu werden.

Wie immer bei eher populären Medien und Gegenständen sind diese zwar weit verbreitet, erscheinen es aber keiner Wissenschaft wert, beschrieben, erforscht und analysiert zu werden. So erging es auch den Dioramen. Reiseandenken, gelegentlich eher kitschig als ästhetisch anspruchsvoll - wobei sich ein Vortrag über Kitsch im Allgemeinen und Besonderen anschließen ließe - gibt es, seit Menschen reisen, sie bilden ein flächendeckend vorhandenes Kulturgut. Da es jeder kennt, warum sollte es also untersucht werden? Und so wissen wir bis heute eher wenig Konkretes zum Beispiel über die Produzenten. Einige Firmen konnten ausfindig gemacht werden, was aber noch längst kein umfassendes Bild ergibt. Oft werden Sie also in der Ausstellung lesen: "unsigniert", Hersteller unbekannt; genaue Ortsangaben und Datierung der Herstellung sind selten.
Allmählich beginnt sich aber das Bild zu runden dank des Forscherdranges und der Sammelleidenschaft eines privaten Sammlers, der mit seiner Kollektion diese Ausstellung überhaupt ermöglicht hat. Nirgends sonst als in dieser privaten Sammlung finden sich so viele Exemplare der Souvenirkastenbilder aus dem 19. Jahrhundert aus Schlesien und Böhmen, aber auch aus anderen Regionen Europas, die Sie im letzten Ausstellungsraum sehen werden.
Jürgen Glanz verdanken wir die quantitative Zusammenstellung einer Objektgruppe, die ansonsten auch in den Museen nur in minimaler Stückzahl, um nicht zu sagen solitär oder gar nicht, vorhanden ist.
Dem Altonaer Museum in Hamburg ist die Konzeption der Ausstellung über diese sehr spezielle Objektgruppe zu verdanken, zu der neben Jürgen Glanz weitere Leihgeber, genannt sei hier als private Sammlerin Angelika Marsch aus Hamburg, die am 16. Juli einen Vortrag über das Reisen im 19. Jahrhundert halten wird, beigetragen haben.
Kooperiert hat das Altonaer Museum aber auch mit anderen Museen, die ihrerseits die Ausstellung mit Exponaten aus dem eigenen Bestand bereichern. Interessant wird diese Kooperation vor allem aber durch die Zusammenarbeit von polnischen und deutschen Museen, z. B. dem Nationalmuseum in Breslau, dem Schlesischen Museum in Görlitz, dem Museum Europäischer Kulturen und weiteren Institutionen, zeugt diese Zusammenarbeit doch von einem sachlichen Umgang mit dem kulturellen Erbe wie auch einem kollegialen Miteinander, was bei der Brisanz der politischen Geschichte gerade in diesem Bereich umso bemerkenswerter ist.

Der Katalog zur Ausstellung in deutscher und polnischer Sprache ist für 12,00 Euro + Versand zu bestellen.

 

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Ausschnitt aus "Kroll's Winter-Garten in Breslau", Glasdiorama

                                 

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