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Einleitung
Das Geschenk der Kunst Die Geschenke des Alltags. Das Museum
Europäischer Kulturen und seine Sammler. Mit einer Antithese
beginnt mein Vortrag, nämlich der von Kunst und Alltag oder Kunst
vs. Alltag, Im Jahr des 175-jährigen Bestehens der Staatlichen Museen
zu Berlin ist auch über die Sammlungen des eigenen Hauses zu reden
und nach deren Stellung innerhalb unseres Museumsverbundes. Ebenfalls
ist zu fragen, wie die Thematik des Jubiläumsjahres 175 Jahre
Universalmuseum diese Entgegensetzung in sich aufhebt im Sinne der
Inschrift über dem Eingang des Schinkelschen Alten Museums:
studio antiquitatis omnigenae et artium liberalium ,also
dem Bemühen um die Alterthümer jeglicher Art und
der Freien Künste.
Die Gründungsphase
Die Entgegensetzung von Kunst und Alltag hat von Anbeginn an die Geschichte
des Museums Europäischer Kulturen und ihrer zahlreichen Vorgängerinstitutionen
begleitet und hat auch innerhalb des Verbundes der heutigen Staatlichen
Museen zu Berlin schon zu Zeiten Wilhelm von Bodes zu einer eigenständigen
Positionierung der Alltagskultur, um die es in diesem Haus geht, geführt.
Der Universalgelehrte und Gründer des Museums, Rudolf
Virchow (1821-1902), hatte die damit verbundenen Spannungen seinerzeit
erkannt und auf den Punkt gebracht:
denn niemand kann sagen,
wo die Kunst beginnt und wo die Arbeit des täglichen Lebens endet.
Rudolf Virchow, der Anti-Bode, wie ihn Kai Michel genannt
hat, begann seine Initiative zur Gründung eines Museums für
Deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes außerhalb
der Königlichen Museen, wenn auch in unmittelbarer Nachbarschaft
zu den schon bestehenden ethnologischen und vor- und frühgeschichtlichen
Sammlungen. Die von ihm mitbegründete Berliner Gesellschaft
für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte bot ihm das
Terrain, Bündnispartner für einen Sammlungsbereich zu finden,
dem sich bis dahin niemand angenommen hatte: der Dokumentation des alltäglichen
Lebens und Treibens, wie es zeitgenössisch formuliert
wurde, im eigenen Land. Am Sonntag, dem 27. Oktober 1889,
so die Norddeutsche Allgemeine Zeitung, wurde mit einem schlichten
Akte ein Institut der Öffentlichkeit übergeben, das bestimmt
ist, die scheinbar letzte Lücke in der glänzenden Reihe der
Museen und Sammlungen zu füllen, welche in der Reichshauptstadt den
Wissenschaften und Künsten gewidmet sind, das Museum für deutsche
Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes.
Ein Komitee, später ein Museumsverein, unterstützte ihn in den
folgenden Jahren im Aufbau einer Sammlung, für die in raschem Zugriff
respektable Bestände zusammengetragen werden konnten. Hervorzuheben
sind dabei die Sammlungsreisen auf die Halbinsel Rügen oder in das
Elsass und die Schweiz, die Dank mäzenatischer Unterstützung
finanziert werden konnten. Herausragend ist hier in der ersten Zeit des
Museums das Engagement des Bankiers Alexander Meyer-Cohn
(1853 - 1904) zu nennen, von dem es in der Universal Jewish Encyclopedia
heißt: Meyer-Cohn was a profound scholar in the folklore and
history of Berlin, and a member of a committee of experts appointed by
the prehistoric department of the ethnographic museum of Berlin."
Präziser benennt nach seinem Tode 1904 der Germanist Erich Schmidt
die Qualitäten dieser hochgebildeten Persönlichkeit: Gar
manchem ist er wirklich ein Schatzmeister gewesen. Literatur, Volks- und
Völkerkunde, germanische Alterthümer, Geschichte Berlins haben
seine fördernde Hand gespürt; das Museum für deutsche Trachten
zumal wäre ohne diesen so unterrichteten wie opferwilligen Mann nicht
zu Stande gekommen. Durch die herben Verluste in Folge des Zweiten
Weltkrieges sind von seinen Schenkungen und Sammlungen nur noch Reste
überliefert; so Teile der bedeutenden Hindeloopen-Stube,
die eine Inkunabel der ländlichen Raumkultur des 18. Jahrhunderts
in den Niederlanden war. In der Ausstellung Faszination Bild
konnte die Stube mit den Teilen, die der Krieg hinterlassen hatte, rekonstruiert
werden, so dass für den Besucher ein Eindruck der ästhetischen
Qualität dieser Wohnkultur entsteht: Sie berief sich gleichermaßen
auf die Vorbilder der italienischen Malerei in den Täfelungen, wie
auf die Illustrationen der Merian-Bibel für den Dekor der Wandfliesen
und auf die chinesischen und italienischen Vorbilder in der Zierkeramik
als Ausdruck der Modeeinflüsse ihrer Zeit.
Die große von ihm zusammengetragene Trachtensammlung wie
alles in der damaligen Zeit vergleichend konzipiert mit einem Umfang
von 3.000 Nummern und wie es damals hieß: fast ein
Museum für sich darstellend dürfte am Auslagerungsort
Lebus erst in den Monaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vollständig
zerstört worden sein. Man vermerkt immer wieder die Zäsur des
Zweiten Weltkrieges und das Ende des Dritten Reiches, eine
Thematik, der das Museum Europäischer Kulturen seine Neueröffnung
am 8. Mai, die Ausstellung Die Stunde Null ÜberLeben
1945 im Bruno-Paul-Bau des Museumsquartiers Kunst und Kultur
der Welt: Museen Dahlem gewidmet hat.
Nach dem Tode des Museumsgründers Rudolf Virchow, dessen
Verdiensten die Häuser der Staatlichen Museen anlässlich seines
100. Todestages 2002 eine Ausstellung gemeinsam mit anderen Museen der
Stadt Berlin gewidmet haben, trat 1904 ein anderer Mäzen und Sammler
an die Spitze des Museumsvereins: James Simon (1851-1932).
Sein Name ist vielfach und eng verbunden mit den Staatlichen Museen und
wird immer wieder im Zusammenhang mit der Erwerbung der Nofretete für
das Ägyptische Museum genannt. James Simon ist auch für das
Museum Europäischer Kulturen von größter Bedeutung: gelang
es ihm nicht nur, dank energischer Interventionen bei Wilhelm II., das
Museum in den Verband der Königlichen Museen zu überführen,
sondern auch durch eine außergewöhnliche Großzügigkeit,
die Sammlungen zu vermehren. Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass
eine Sammlung von 24 Hausmodellen aus allen
deutschen Landschaften aufgebaut werden konnte, die zur Dokumentation
und didaktischen Erläuterung von regionalen Wohn- und Arbeitswelten
des ländlichen Deutschland im ausgehenden 19. und beginnenden 20.
Jahrhunderts dienen konnten.
Eine bedeutende Sammlung dieser Zeit hat sich wenn auch nur in Resten
- nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten: geborgen aus den Trümmern
des Museumsmagazins im Logenhaus zu den Drei Weltkugeln in der Splittgerber
Gasse einerseits und bewahrt in den schon legendär gewordenen 40
Verlagerungskisten, die von den Amerikanischen Truppen mit dem Rückzug
aus Thüringen in den Westen Deutschlands mitgenommen wurden, andererseits,
stehen Teile der bedeutenden Sammlung von Eisen- und Wachsvotiven von
Marie Andree-Eysn (1847-1929) noch heute der
Forschung und für Ausstellungen zur Verfügung. Diese Sammlung
wurde von ihrem Mann, Richard Andree, unter dem Titel Votive und
Weihegaben des katholischen Volkes in Süddeutschland 1904 publiziert.
Als Hilfen der Lebensbewältigung gehören diese Bilder
und Zeichen der Frömmigkeit in eine ländliche Sozialkultur,
die schon seinerzeit radikalen Veränderungen unterlag.
Die Phase der Rekonstitution und
Konsolidierung nach 1945
Wir können an dieser Stelle die Museumsgeschichte
während des Dritten Reiches übergehen, sie brachte keine bedeutenden
Sammlerpersönlichkeiten hervor, sondern löschte die große
Tradition des jüdischen Mäzenatentums aus. Zwei Museen wurden
Erben einer großen Sammlung, die der Krieg nur in geringen Resten
verschont hatte: das Museum für Volkskunde auf der Museumsinsel und
das Museum für Deutsche Volkskunde in Dahlem. Knapp 10% der alten
Sammlungsbestände blieben jedem Haus diesseits und jenseits der deutschen
Grenze erhalten. Mit diesem Erbe und dem Bewusstsein eines unwiederbringlichen
Verlustes begann man erneut, einen Bestand aufzubauen.
Für diese Phase der Rekonstitution in Dahlem mag Rudolf Wissell
(1869-1962) und seine Sammlung zum alten Handwerk
als Beispiel dienen, eine Sammlung zur Thematik des zu seiner Zeit schon
vergangenen Herbst des Alten Handwerks, wie es Michael Stürmer
genannt hat. Sie beschreibt eine Zeit vor der Aufhebung des Zunftzwanges
in Europa und dem Ende des Systems der mittelalterlichen und der frühneuzeitlichen
Ständeordnung im Ancien Régime, die mit der Französischen
Revolution und der einsetzenden Gewerbefreiheit im Zweiten Kaiserreich
ihre Wende für ganz Europa finden sollte.
Rudolf Wissell, 1869 in Göttingen geboren, interessierte
sich für insbesondere für die sozialen Aspekte des Alte
Handwerks, seine Sitten und Gebräuche, aber auch ganz besonders
für seine Sozialfunktion. Neben seiner Arbeit als Dreher in Kiel
engagierte er sich im Deutschen Metallarbeiterverband, war sieben Jahre
als Arbeitersekretär der Gewerkschaften in Lübeck tätig
und schrieb nebenher als Redakteur über Sozialpolitik im Vorwärts.
1908 ging er als Sekretär des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes
nach Berlin. Im Jahre 1919 wurde er Mitglied der verfassungsgebenden Deutschen
Nationalversammlung und amtierender Reichswirtschaftsminister. Von 1920
bis März 1933 war er Abgeordneter im Deutschen Reichstag und in den
schwierigen Zeiten von 1928-30 Reichsarbeitsminister.
Diese gewerkschaftlich-politische Tätigkeit wurde durch unermüdliche
Forschungsarbeit zum alten Handwerk begleitet. Rudolf Wissell sammelte
nicht nur Zunftgegenstände, sondern erschloss in Archiven zahlreiches
Dokumentenmaterial, Quellen, die z. T. später durch die Wirren des
Zweiten Weltkrieges vernichtet oder unzugänglich wurden. Im Ergebnis
erschien 1929 sein zweibändiges Werk Des alten Handwerks Recht
und Gewohnheit, herausgegeben von Konrad Hahm
(1899-1943), dem Direktor des Museums. Es ist bis heute ein Standardwerk
der historischen Handwerksforschung geblieben.
Mit der Zerschlagung der Gewerkschaften 1933 wurde auch
Wissell verhaftet und aller politischen Ämter enthoben. In dieser
Zeit arbeitete er an einer erweiterten Neuauflage und einem dritten Band
zum alten Handwerk, der jedoch mit allen Vorarbeiten und mit großen
Teilen seiner umfangreichen Sammlung 1945 verloren ging. Nach Kriegsende
nahm er seine Forschungen neu auf, ohne sie jedoch selbst abschließen
zu können. Im Auftrag der Historischen Kommission zu Berlin hat Ernst
Schraepler zwischen 1971 und 1981 das Werk von Rudolf Wissell neu herausgegeben.
Für sein sozialpolitisches und handwerksgeschichtliches Engagement
wurde Wissell schon 1929 in Kiel mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.
Berlin ernannte ihn 1949 zum Ehrenbürger. Nach dem Tode Wissells
1962 gelang es dem Museum für Deutsche Volkskunde, seine handwerksgeschichtliche
Sammlung von über 550 Gerätschaften und Dokumenten aus mehr
als 40 Handwerksberufen des 17. bis 20. Jahrhunderts zu erwerben. Die
Sammlung besteht aus Willkomm, Zunfttruhen, Laden, Wanderbüchern,
Wanderstöcken, den sog. Sterzen, und einer bedeutenden Sammlung von
Kundschaften, die die wichtigsten Handwerksstädte Europas
umfassen.
War die Sammlung Wissell noch der großen alteuropäischen
Tradition verpflichtet, so öffnete ein anderer Forscher und Sammler
vorsichtig die Türen in die Gegenwart: der bedeutende Gelehrte, Germanist
und Inhaber des ersten Lehrstuhls für Volkskunde an der Friedrich-Wilhelm-Universität
zu Berlin, Adolf Spamer (1883-1953), berufenes
Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, aber im Dritten
Reich nicht ernannt, dokumentierte die Formen der Frömmigkeit insbesondere
aus dem Geiste der Mystik am Beispiel der religiösen Druckgraphik.
Mehr als 1.000 druckgraphische Objekte vom Andachtsbild bis zum Bilderbogen
gelangten aus seiner Sammlung über die Akademie der Wissenschaften,
die seinen Nachlass verwaltete, an das Museum für Volkskunde auf
der Museumsinsel. Bedeutsam sind seine Forschungen zu den Himmelsbriefen
und Haussegen, die ganz in der Tradition der Mystik Gebete wie Lebensanweisungen
enthielten und zugleich als Schutz- und Segensblätter anzusehen sind.
Insbesondere die Kugelsegen, gefaltete Zettel, die in Kriegszeiten über
das Herz gelegt wurden, sollten den Soldaten vor tödlichen Kugeln
schützen, eine Beobachtung, die Adolf Spamer ausführlich während
des Ersten Weltkriegs dokumentiert hatte. Noch Walter Kempowski zitiert
ein solches Blatt, dass man bei einem Gefallenen von Stalingrad gefunden
hatte, in seinem großen Kriegspanorama Das Echolot und
zeigt damit indirekt, dass mystische Traditionen des 12./13. Jahrhunderts
für die Lebensbewältigung von Menschen bis in das vergangene
Jahrhundert hinein Bedeutung hatten.
Eine Phase des Aufbruchs und der Neuorientierung
Nach einem anfänglichen Versuch, regionale Sammlungen traditioneller
d.h. ländlicher Volkskultur zusammenzutragen,
wechselte das Museum wie auch seine universitäre Disziplin Volkskunde/Empirische
Kulturwissenschaft, oder heute allgemein Europäische Ethnologie,
ihr Arbeitsfeld: Der Abschied vom Volksleben, die Wahrnehmung
differenzierter Sozialstrukturen in ländlichen und städtischen
Gesellschaften, die Thematik von Arbeitsleben und Produktion in der industriellen
Welt, die Überschreitung von Regionalität durch nationalen und
internationalen Transfer und schließlich die Thematik der Alltagsgeschichte
und die Dokumentation des Individuums als historische Größe
veränderten das Gesicht der Sammlungen beiderseits der politischen
Grenze in fast paralleler Entwicklung seit den 1970er Jahren. Die Konsequenz,
nach der Wiedervereinigung der Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin
1992 und im Jahre 1999 im Verbund mit der Abteilung Europa des Ethnologischen
Museums das Museum Europäischer Kulturen als Nationen überschreitende
Einrichtung zu gründen, war sicherlich daher ein logischer Schluss.
Mit Adolf Spamer und den Forschungen seiner Schüler
und geistigen Enkel ich erwähne hier insbesondere Wolfgang
Brückner und die Forschungsthematik der Massenbilderforschung
gelang der Übergang zu soziologischen Fragestellungen und die prinzipielle
Überwindung traditioneller Themen zur Strukturierung der musealen
Sammlungen. Die Geschichte einer kulturell geprägten Zivilisation
Europas sollte allmählich das Paradigma von Forschung und Sammlung
werden.
Sammler und Forscher gehen mit ihren
Sammlungen dem Museum voraus: das Beispiel der populären Druckgraphik
Unter den Sammlern, die dem kriegszerstörten Sammlungsbestand des
Museums die ersten Lücken zu stopfen halfen, ragte der
Hamburger Kaufmann Ludwig Hirschberg (1911-1997) hervor, der dem Museum
mit 1.200 Bilderbogen aus dem 18. und 19. Jahrhundert den Grundstock für
die dann rasch anwachsende Bilderbogen-Sammlung legte. Diese Verbindung
hatte Christa Pieske (geb. 1919) aus Lübeck
1967 hergestellt, mit der für viele Jahre und Jahrzehnte eine Zusammenarbeit
in Berlin beginnen sollte. Als 22-Jährige wurde die gebürtige
Stettinerin 1942 bei Adolf Spamer und Wilhelm Pinder an der Friedrich-Wilhelm-Universität
zu Berlin mit einer bis heute grundlegenden Arbeit zur Verbreitung und
Bedeutung des Patenbriefes promoviert. Erarbeitet wurde ihre Dissertation
u. a. an den umfangreichen Beständen des damaligen Museums für
Deutsche Volkskunde in Berlin, insbesondere unter der Obhut von Konrad
Hahm. Dem graphisch gestalteten Papier blieb Christa Pieske auch nach
dem Ende des Zweiten Weltkrieges treu und hat dabei Bahnbrechendes und
Wegweisendes publiziert. Verbunden waren ihre populargraphischen Forschungen
mit eigener Sammlungstätigkeit oder der empirischen Aufnahme schon
vorhandener Bestände, die sie durch Systematisierung der Gattungen,
zeitliche Zuordnung und ikonographische Interpretation zu Lehrstücken
der Imagerieforschung machte. Zugleich recherchierte sie neue Themen,
die sie durch eigenes Sammeln in allen (west-)europäischen Ländern
und den USA erst an das Licht der Fachöffentlichkeit gebracht hatte
und damit diese wiederum zu neuen Forschungen anregte. Die Frankfurter
Ausstellung Die Bilderfabrik, 1973 mit Wolfgang Brückner
vorbereitet, war dabei entstanden. Die erste eigene Wanderausstellung
Bürgerliches Wandbild 1840-1920. Populäre Druckgraphik
aus Deutschland, England und Frankreich, zusammengestellt wiederum
aus eigenen Sammlungen, hatte 1978 im damaligen Museum für Deutsche
Volkskunde in Berlin-Dahlem Station gemacht und die fachlichen Kontakte
zu diesem Haus gefestigt. Nach langen Vorbereitungen konnte hier die Ausstellung
Das ABC des Luxuspapiers 1983
realisiert werden, die erstmals das Gesamtspektrum der Luxuspapierfabrikation
im Industriezeitalter vor Augen führte und in einem umfangreichen
Begleitband kommentierte. Diese Unternehmen hatten auch deutlich gemacht,
dass die Technologie der Herstellung, die geschmackliche Gestaltung, der
Vertrieb und der Gebrauch durch den Konsumenten nicht mehr auf regionale
oder nationale Märkte zu beschränken waren. Die europäischen
Verflechtungen durch Hersteller, Messen und Handel beeinflussten sich
gegenseitig und bezogen selbstverständlich das mit Europa verbundene
Nordamerika ein. Christa Pieske hatte diese Beziehungen erkannt und in
ihren graphischen Sammlungen nachvollzogen und dokumentiert. In verschiedenen
Abständen hat sie ihre Sammlungsbestände an das Museum veräußert,
und zwar immer dann, wenn sie einen entsprechenden Bearbeitungsabschnitt
durch einen Aufsatz oder eine Ausstellung für sich abgeschlossen
hatte. Neben zahlreichen kleineren Einlieferungen waren dies zwei bedeutende
Sammlungen: ca. 2.500 Blätter Populargrafik überwiegend deutscher
Provenienz 1987 (Inv. Nr. 200/87) und ungefähr 3.500 Blätter
vornehmlich europäischer und nordamerikanischer Provenienz 1994 (Inv.
Nr. 684/1994), die mit Hilfe der Staatlichen Museen erworben werden konnten.
1988 kam es mit der Ausstellung Bilder für
jedermann. Wandbilddrucke 1840-1940 zu einer erneuten Zusammenarbeit.
Vorbereitend für dieses Unterfangen war eine langjährige Karteiführung
über eigene und fremde Bildobjekte. Entsprechende Notationen in Kunsthandelszeitschriften,
Kunstverlagskatalogen oder in Branchen-Adreßbüchern bezogen
zudem diesen an sich merkantilen Sektor seither fest in die kulturgeschichtliche
Forschungsarbeit ein.
Die Konsequenzen für die Sammlungen des Museums bestanden darin,
dass aus der Gattung Bilderbogen als traditionellem Sammlungsobjekt
eine themen- und verlagsorientierte Sammlung wurde, die nun endgültig
über Deutschland hinaus auf Europa und die USA aufgrund der rekonstruierten
Handelsverbindungen ausgeweitet werden konnte. Die Sammlung erweiterte
sich überdies um populären und bürgerlichen Wandbildschmuck
und das Luxuspapier, Erzeugnisse einer hohen technologischen Fertigkeit,
großen Verbreitung und Träger eines jeweiligen modernen Geschmacks.
Die Sammlungen der Populargrafik weiteten sich aus, rund um die Ausstellungen
und ihre Publikationen entstand mit dem Arbeitskreis Bild Druck
Papier ein forschungsorientierter Kreis von Fachleuten und Sammlern,
der nach Tagungen in Italien, Frankreich, der Schweiz sein 25. Treffen
2005 in Dresden abgehalten hat und jede Tagung mit einer umfangreichen
Publikation dokumentiert. Die Schriftenreihe, die im Verlag Waxmann in
Münster laufend erscheint, umfasst bislang 9 Bände. Ein Symposium
in Trento zum internationalen Bilderhandel ist für das Frühjahr
2006 in Vorbereitung.
Alltagskultur der Großstadt
Ein Name steht für die Sammlungen von Alltagskultur im Museum Europäischer
Kulturen, den man hier sicher nicht vermutet: nämlich Lothar
Berfelde (19282002), eher bekannt als Charlotte
von Mahlsdorf nicht zuletzt durch das Buch Ich bin
meine eigene Frau und den gleichnamigen Film von Rosa von Praunheim.
Aus einer preußischen Offiziersfamilie stammend und in Berlin-Mahlsdorf
aufgewachsen, entwickelte Lothar Berfelde schon als Kind ein ausgeprägtes
Faible für bürgerliches Gründerzeitmobiliar, Kleidung und
alte Uhren. Schon in jungen Jahren trug er eine reichhaltige Sammlung
mit mehreren Zimmereinrichtungen und einer Kneipeneinrichtung aus dem
Scheunenviertel zusammen, alles Objekte, die damals noch keineswegs als
museal oder sammlungswürdig galten. Die Zimmereinrichtungen wurden
1946 bis 1948 im Schloss Friedrichsfelde ausgestellt, später rekonstruierte
er das Gutshaus in Mahlsdorf, das zu seinem Privatmuseum wurde, in dem
er aber auch lebte und das er gelegentlich für Filmaufnahmen vermietete.
Probleme gab es mit den Behörden: Da er sein Sammlungsgut nicht an
die Kunst- und Antiquitäten GmbH verkaufen wollte, belegte
man ihn mit Steuerforderungen, die er nicht begleichen konnte und wollte.
Lothar Berfelde verschenkte und verkaufte daher große Teile seiner
Sammlung auch an das Museum für Volkskunde auf der Museumsinsel.
Unter Wolfgang Jacobeit und Erika Karasek erwarb man in den 1970er und
80er Jahren umfangreiche Bestände, vorwiegend Textilien und Einrichtungsgegenstände,
aber auch Musik- und Schokoladenautomaten sowie eine Sammlung von Regulatoren.
Außerdem vermittelte er dem Museum bedeutende Erwerbungen, wie ein
beeindruckendes Gaststättenbuffet aus Hangelsberg, Ladeneinrichtungen
u. ä. Es gelang aufgrund zahlreicher Fürsprache nicht zuletzt
von Wolfgang Jacobeit, den Status seines privat geführten Museums
in Mahlsdorf aufrecht zu erhalten. Für seine Verdienste zur Erhaltung
der Wohnkultur der Gründerzeit erhielt Berfelde 1992 das Bundesverdienstkreuz.
1997 wurde das Gutshaus von einem Förderverein übernommen und
ist weiterhin zugänglich. Lothar Berfelde siedelte 1997 nach Schweden
über und verstarb während eines Berlinaufenthalts im Jahr 2002.
Zwei Sammlungen sollen zum Abschluss noch präsentiert
werden: Die Sammlung Das Evangelium in den Wohnungen der Völker
von Gertrud Weinhold und die sie ergänzende
Sammlung Christina und Hans-Joachim Orth.
Am 25. Oktober 2004 konnte das Museum Europäischer Kulturen im Rahmen
des Föderalen Programms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
im Kloster Stift zum Heiligengrabe eine erste
Ausstellung aus der Sammlung Gertrud Weinhold Das Evangelium in
den Wohnungen der Völker eröffnen. Das Kloster, am Rande
der Prignitz, ca. 130 km von Berlin gelegen, öffnete mit der Ausstellung
Maria, Königin der Polen. Annäherungen an die polnische
Volkskunst eine Filialbespielung des Stammhauses in Dahlem. Damit
wurde in einem Kooperationsvertrag zwischen der Union Evangelischer Kirchen,
dem Land Brandenburg sowie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
die langjährig gesicherte Möglichkeit geboten, Werke der ökumenischen
und vergleichenden Sammlung von Gertrud Weinhold im historischen Ambiente
einer zisterziensischen Klosteranlage im Wechsel der Themen auszustellen.
Prof. E.h. Gertrud Weinhold (1899-1992), war
Gründerin einer universell angelegten europäischen wie außereuropäischen
Sammlung religiöser Volkskunst aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die
bei ihrem Tod mehr als 30.000 Objekte hinterließ, die heute als
Sondersammlung Teil des Museums Europäischer Kulturen sind.
Gertrud Weinhold wurde als älteste Tochter eines preußischen
Beamten in Berlin geboren. Nach dem Schulabschluss nahm sie an Lehrgängen
im Evangelischen Johannesstift in Berlin teil, erlernte das handgewerbliche
Kunstweben und legte darin ihre Meisterprüfung ab. 1929 wurde sie
von der Inneren Mission als Leiterin an die Märkische Volkshochschule
berufen. Nach deren Schließung durch die Gestapo 1938 blieb sie
in anderen Aufgabenbereichen bis Anfang der 1950er Jahre im volksmissionarischen
Dienst der Inneren Mission tätig. Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder
lebte nach dem Ersten Weltkrieg in den USA und wurde bei einem Heimaturlaub
1937 aus politischen Gründen verhaftet. Er verstarb nach vierjähriger
KZ-Haft 1941 in Buchenwald. Das Schicksal ihres Bruders beeinflusste ihr
Leben ebenso wie ihre Haft, die sie 1943 durchstehen musste.
Während des Zweiten Weltkriegs unternahm Gertrud Weinhold ihre erste
Reise nach Weißrussland, die zum Ausgangspunkt für ihre spätere
umfangreiche Sammlung von osteuropäischer religiöser Volkskunst
werden sollte. 1951 baute sie, unterstützt von der Evangelischen
Kirche, zum ersten Mal eine Weihnachtsausstellung am Berliner Funkturm
auf. Damit legte sie den Grundstein für eine 30jährige Tradition
von Krippenausstellungen in Berlin, aus der ihre eigene Sammlung von weit
über 1.000 europäischen und außereuropäischen Krippen
- eine der größten Krippensammlungen Deutschlands überhaupt-
erwuchs. Ende der 1940er Jahre gründet sie den Kreis der Krippenfreunde
Berlin, 1952 wurde sie Mitbegründerin der Universales
Foederatio Praesepistica in Barcelona.
Schon Anfang der 1960er Jahre knüpfte Lothar Pretzell, der damalige
Direktor des Museums für Deutsche Volkskunde, erste Verbindungen
zu Gertrud Weinhold, um Teile ihrer Sammlungen anlässlich der Ausstellung
zum 75-jährigen Bestehen des Museums 1964 zeigen zu können.
Auch hier waren die unschließbaren Lücken, die der Krieg gerissen
hatte, dafür verantwortlich, auf einen Sammler zuzugehen. Damit begann
aber auch eine Zusammenarbeit mit diesem Haus, die über die Lückenschließung
hinaus die Sammlungslinien des Museums bis heute verändern sollte:
ökumenisch vergleichend und weltübergreifend in der Provenienz
der Objekte. Zahlreiche Reisen in das europäische und außereuropäische
Ausland hatten es Gertrud Weinhold ermöglicht, religiöse Volkskunst
aus 60 Ländern der Erde zusammenzutragen.
In einer Fülle von Publikationen hat Gertrud Weinhold ihre Sammlung
thematisch präsentiert und jeweils mit reichem Bildmaterial versehen.
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hatte gut daran getan, schon
zu Lebzeiten von Gertrud Weinhold dieser internationalen Sammlung im damaligen
Museum für Deutsche Volkskunde eine Heimstatt zu geben, gab Gertrud
Weinhold, vielfach international ausgezeichnet für ihre Verdienste
um Völkerverständigung und Förderung des Glaubens, doch
ihren Sammlungen von vornherein einen europäischen, ja weltumspannenden
Charakter und war damit ihrer Zeit weit voraus. Sie nahm das Wort Ökumene
als Weltenkreis der Menschen geradezu wörtlich; allerdings betrachtete
sie die Welt und ihre kulturelle Vielfalt ausschließlich aus ihrer
gläubigen, christlich geprägten Sicht und suchte aus diesem
Verständnis heraus das Verbindende zum jüdischen Glauben wie
zum Islam.
Die Sammlung Gertrud Weinhold ist aus dieser religiösen Perspektive
nicht als abgeschlossen zu betrachten. Insofern haben Sammlungen auch
ihre eigenen Geschichten über den Sammler und seine Sammlungen hinaus:
sie zielen will man sie nicht einfach deponieren, um sie nach Jahren,
vielleicht nach Jahrzehnten, in Teilen wieder zu entdecken - auch auf
Vervollständigung und Erweiterung. Vervollständigen konnten
wir beispielsweise die Sammlung der Krippen durch den 14 Meter langen
mechanischen Weihnachtsberg aus dem Erzgebirge, gebaut von Max
Vogel (1867-1943) in Neuwürschnitz bei Stollberg. Der Weihnachtsberg
mit seinen über 300 beweglichen Figuren und Szenen aus dem Leben
Jesu erfreute alljährlich die Besucher des Museums.
Sammlungen sind auch Ideengeber für Neues und Anderes und für
Erweiterungen:
Hier ist an die Sammlung Polnischer Volkskunst des Ehepaares Christina
und Hans-Joachim Orth, zu denken.
Anfang der 1950er Jahre begann das Düsseldorfer Ehepaar, Werke naiver
Künstler Polens zu sammeln. Hans-Joachim Orth hatte sich in seiner
publizistischen Tätigkeit auf das damals noch ferne Nachbarland Polen
spezialisiert. Während seiner regelmäßigen Reisen und
Aufenthalte in Polen wuchs die Sammlung gleichsam nebenbei beständig
an und gehört heute zu den bedeutendsten Kollektionen außerhalb
Polens. Hans-Joachim Orth erhielt für seine Verdienste um die polnische
Kultur zahlreiche Auszeichnungen. 1991 verlieh ihm Präsident Lech
Wa?esa den Verdienstorden der Republik Polen in Gold für sein Engagement
zur Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland
und Polen.
1983 verkaufte das Ehepaar Orth einen Teil seiner Sammlung den Museen
der Stadt Nürnberg. Da die Nürnberger Museen zugunsten neuer
Sammlungen zur Modernen Kunst ihr Profil geändert hatten, suchte
man dafür nach einem neuen Träger und interessierten Nutzer.
Schließlich übergab man die Kollektion 2004 als Dauerleihgabe
an unser Haus auch unter Berufung auf seine dort vorhandenen verwandten
Sammlungsgebiete. Hier findet die Sammlung ihren Platz neben den großen
polnischen Beständen der Sammlung Gertrud Weinhold Das Evangelium
in den Wohnungen der Völker und macht zugleich deutlich, dass
ihr ganz anderer Charakter eine Erweiterung der Thematik Polnische
Volkskunst darstellt: es befinden nicht nur hoch gehandelte Inkunabeln
der europäischen Naiven darunter, so der insbesondere in Frankreich
hochgeschätzte Nikifor, der gerade in Polen durch einen abendfüllenden
Kinofilm gewürdigte wurde. Auch die besondere polnische Thematik
des Historischen wird in der Sammlung Orth dokumentiert. Ausgesuchte Werke
aus der Sammlung Orth wurden 2004/2005 erstmals unter dem Titel Zwischen
Himmel und Erde - Naive Kunst aus Polen präsentiert. In der
Ausstellung Die Stunde Null ÜberLeben 1945 werden
Zeugnisse der polnischen Volkskunst aus dieser Sammlung zur künstlerischen
Verarbeitung des Zweiten Weltkrieges und seiner Verbrechen in Auschwitz
gezeigt.
Der Sammlungsteil I wurde im Dauerleihvertrag übernommen. Christina
und Hans-Joachim Orth hatten in den vergangenen Jahrzehnten weiter gesammelt.
Diesen Teil II würden wir gerne übernehmen. Dank einer großzügigen
Zuwendung eines unbekannten Spenders und einer großzügigen
Spende durch eine renommierte Bank in Deutschland, die wir mit Hilfe der
Kulturstiftung der Länder und der Botschaft der Republik Polen gewinnen
konnten, dürfte es uns gelingen, am Vorabend des Deutsch-Polnischen
Jahres 2005/2006 diese Sammlung für Deutschland und Berlin
zu erwerben. Ich hoffe sehr, dass wir auch das letzte noch fehlende Drittel
für die Finanzierung aufbringen können.
Schlägt man einen Bogen über die Entwicklung des
Museums und seiner Sammlungen zurück zum Anfang, muss man konstatieren:
ohne einen Verein als unterstützenden Freundeskreis hätte es
nie ein heute noch existierendes Museum Europäischer Kulturen gegeben.
Der Verein der Freunde des Museums Europäischer Kulturen e.V. bildet
mit seinen Schenkungen, Restaurierungen und ehrenamtlichen Hilfsleistungen
bis heute eine der wichtigen Stützen des Museums und seiner Sammlungen.
Das anlässlich des fünfjährigen Bestehens des Museums Europäischer
Kulturen 2004 vom Verein der Freunde unter seinem Vorsitzenden Dr. Gerd
Zuchold ausgelobte "Rudolf Virchow/James Simon/Konrad Hahm-Stipendium"
für Studierende an wissenschaftlichen Hochschulen hebt noch einmal
die Bedeutung der Förderer für die Museumsgeschichte und für
die zukünftige Entwicklung des Museums hervor.
Im Sinne eines poetischen Museums (nach Julian Spalding) ist es nun an
uns, auch im Konzert der anderen Häuser der Staatlichen Museen, unseren
vielschichtigen Sammlungen nicht nur eine Herberge für vergangene
Ideen, Gedanken und verblassende Erinnerungen zu sein, sondern auch ein
Platz von Bewunderung und Entdeckungen. - Ein Zuhause für die Musen
des Alltags, diesen großartigen, geistvollen wie inspirierenden
Töchtern des kulturellen Gedächtnisses.
Vortragsmanuskript.
Anmerkungen wird die Druckfassung aller Beiträge der Staatlichen
Museen zu Berlin zu dieser Veranstaltungsreihe enthalten
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